eichwalder edith webTrauer braucht Zeit, Resonanz und einen Ort



Interview der ARGE Urnenhain mit der Trauerrednerin Edith Eichwalder.

Eine individuell gestaltete Grabstätte erfüllt eine wichtige Rolle
in der Trauerbewältigung. Über die unterschiedlichen Phasen
der Trauer und die Bedeutung der Trauerarbeit spricht
Trauerrednerin Edith Eichwalder im Interview mit Richard Watzke
für die ARGE Urnenhain.


Foto: Edith Eichwalder 2016

ARGE Urnenhain: Frau Eichwalder, was ist Trauer?
Edith Eichwalder: Trauer ist die spontane, natürliche, normale und selbstverständliche Reaktion unseres Organismus, unserer ganzen Person auf Verlust, Trennung und Abschied – diese Definition vom Diplompsychologen und Psychotherapeut Dr. Jorgos Canakakis möchte ich als Antwort anführen. Der Trauerzustand ist etwas, der bei jedem Menschen von Natur aus vorhanden ist, denn wir alle erfahren zuerst einmal unseren „Urtrauerzustand“, nämlich die Trennung von unserer Mutter – dies passiert schon im Kleinkindalter und jeder spätere Verlust erinnert uns an dieses Geschehen.

ARGE Urnenhain: In welchen Phasen verläuft Trauer?
Edith Eichwalder: Wissenschaftlich erforscht und dokumentiert sind verschiedene Ansätze dazu – unter anderem jene nach Dr. Verena Kast, die diese in vier Stufen einteilt: Nicht wahrhaben wollen – die Betäubungsphase und Schockphase; in dieser Phase sind Betroffene empfindungslos und wie tot. Der Verlust wird geleugnet, Gefühle wie Ohnmacht, Leere, Starre herrschen vor. Danach folgt das Aufbrechen der Emotionen. In dieser Sehnsuchtsphase herrscht ein Gefühlschaos, es werden Gefühle von Wut, Zorn und Angst durchlebt, aber auch Schuldgefühle, ob man alles getan hat.
Die dritte Phase ist gekennzeichnet vom Suchen und sich Trennen – in dieser Verzweiflungsphase sind Einsamkeit, Verzweiflung und Hilflosigkeit die bestimmenden Gefühle. Trauernde suchen gemeinsame Orte auf, führen innere Zwiegespräche mit dem Verstorbenen. Es beginnt die Vorbereitung auf ein Leben ohne den Verstorbenen, ohne ihn zu vergessen.
In der vierten Phase baut sich ein neuer Selbst- und Weltbezug auf. Ein Leben ohne den Verstorbenen oder das Verlorene rückt heran; der Verstorbene wird als innerer Begleiter im Leben gesehen, es wird möglich, das eigene Leben wieder zu gestalten, neue Lebensmuster zu finden und neuen Lebensmut zu fassen. Interessant ist, dass die Sterbephasen, erforscht von Dr. Elisabeth Kübler-Ross, in ähnlicher Struktur verlaufen.

ARGE Urnenhain: Was brauchen Angehörige zur Trauerbewältigung?
Edith Eichwalder: Dies ist so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Grundsätzlich aber sind es Achtsamkeit und einfühlende Behutsamkeit, mit denen ich trauernden Menschen begegne und die ganz intensive Zugänge eröffnen. Ich erfahre sehr oft dadurch tiefes Vertrauen. Diesem geschenkten Vertrauen begegne ich mit einer sehr wertschätzenden Haltung und dankbaren Resonanz. Einer der wichtigsten Faktoren ist die Zeit, denn jeder Betroffene erlebt die Trauerzeit in seinem eigenen Tempo!
Trauer ist kein linearer Prozess, deshalb sind Rückschritte ebenso normal wie die verschiedensten Ausdrucksformen: Der eine vergräbt sich und der andere sucht Gesellschaft, um sich abzulenken. Unsere sogenannten „Alten“ haben schon immer von einem Trauerjahr gesprochen und sich dieses zugestanden. Trauer darf nicht ins stille Kämmerlein verbannt werden, sie will gesehen, gehört, verstanden und akzeptiert werden, sie benötigt Resonanz.

ARGE Urnenhain: Warum ist Trauern ohne konkreten Ort, ohne Grabstätte so schwierig?
Edith Eichwalder: Die meisten Betroffenen haben das Bedürfnis, einen Platz zu haben, wo man der verstorbenen Person besonders gedenken kann – einen Platz, wo man innehalten kann, wo man sich dieser Person besonders nahe fühlt. In vielen Fällen ist dieser Platz auch die Begräbnisstätte. Dieser konkrete letzte Ort ist aus der Tradition heraus auf einem Friedhof.  Fehlt dieser Ort, weil eine anonyme Bestattungsform gewählt worden ist, haben Hinterbliebene oftmals das Bedürfnis, sich Ersatz-Gedenkstätten zu schaffen.
Es liegt in unserer Natur, sich an etwas festhalten zu können. Ich höre natürlich auch Aussagen wie: „Die verstorbene Person ist ohnedies in unseren Herzen und Gedanken, da bedarf es keines Grabes.“ 
Nachdem der Tod so schwer fassbar ist, brauchen wir gerade hier etwas Greifbares für das Unbegreifliche; etwas, das sichtbar ist, um den nicht mehr sichtbaren Verstorbenen „erlebbar“ zu machen. Hier erfüllt die Grabstätte eine wichtige Rolle und stellt eine Verbindung zwischen der Welt der Toten und der Welt der Lebenden dar.

ARGE Urnenhain: Wie trägt eine individuell gestaltete Grabstätte zur Trauerarbeit bei?
Edith Eichwalder: Am Schönsten ist zu erleben, dass eine individuell gestaltete Grabstelle für die Angehörigen einen wichtigen Beitrag in ihrer Trauerbewältigung darstellt. Dies wird mir sehr oft nach Jahren von den Betroffenen erzählt. Es zu erklären ist nicht leicht, handelt es sich doch um Gefühle, die im Wandel sind. Von Betroffenen stammen Aussagen wie: „Die Wertschätzung der verstorbenen Person gegenüber und unsere Verbindung ist sichtbar gemacht worden“, „es ist ein würdiger Platz geschaffen worden, wo man sich der verstorbenen Person nahe fühlt und das Gedenken einen besonderen Ausdruck erfährt“, „es ist für uns als Hinterbliebene wichtig, so einen Ort zu haben um dort auch spezielle Rituale möglich zu machen“ oder „es hat eine heilsame, kraftspendende und hilfreiche Wirkung auf unser Leben“. Wesentlich ist: Die Einzigartigkeit und Besonderheit der verstorbenen Person ist erkennbar dargestellt und vermittelt dadurch ein trostvolles Gefühl.

ARGE Urnenhain: Worauf kommt es bei der Gestaltung des Grabdenkmals an?
Edith Eichwalder: Die Wünsche und Vorstellungen der Angehörigen sollten bestmöglich eingebunden und umgesetzt werden. Das erfordert zuerst einmal genaues Hinhören und Einfühlen in die Familiensituation. Besonders ausdrucksstark dabei ist die Einbindung der ausgesprochenen Gefühle in die Gestaltungsform: Wie war der verstorbene Mensch? Nachdem eine der schwierigsten Aufgaben ist, Gefühle in eine Form zu bringen, kann dabei die Verwendung eines Zeichens oder Symbols sehr hilfreich sein. Gerade die Verbindung, dargestellt durch ein Symbol als ein Sinnbild für etwas, das mit Gefühlen verbunden ist, wird das Denkmal für immer besonders erscheinen und stimmig werden lassen. Auch lässt das Hinterfragen bei solch einem Prozess viele Betroffene ihre eigene Spiritualität wieder entdecken.
Mit ergänzenden Impulsen oder gewünschten Vorschlägen kann die Entwicklung für den Denkmalentwurf bereichert werden. Wenn es gelingt, alle Anforderungen umzusetzen, dann wird ein Grabdenkmal wahrscheinlich nie als Belastung angesehen werden, sondern immer als Bereicherung und zum Leben gehörend.

ARGE Urnenhain: Wie beziehen Sie die Angehörigen dabei ein?
Edith Eichwalder: Grundsätzlich kann ich sagen, dass jeder Angehörige einbezogen wird und sich einbringen darf, natürlich in unterschiedlicher Form. Während es für die einen genügt, einfach ein Grundschema vorzugeben, sind andere bereit, sich sehr intensiv und eingehend mit dem Grabdenkmal auseinanderzusetzen oder sogar aktiv in der Umsetzung mitzuarbeiten. Das hängt einfach auch mit der Wesensstruktur und der Persönlichkeit der Betroffenen zusammen. Ich erlebe dies auch schon in meiner Arbeit als Trauerrednerin: Wenn es den Betroffenen wichtig ist, dann kommt sehr viel Persönliches, was eingebracht wird. Bemerke ich die Bereitschaft dazu, dann ermutige ich die Angehörigen sich hier bei der Gestaltung – ob Trauerfeier oder Grabdenkmal – in all ihrer Individualität einzubringen.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Ergebnis umso stimmiger und erfüllender ist, je intensiver die Einbindung der Angehörigen in diesen Prozess ist.  Es liegt auch an der eigenen Empathie, herauszufiltern, was wichtig ist und wo ich unterstützen kann, dies noch mehr an die Oberfläche zu bringen.  Wenn sich Angehörige beim Erzählen schwerer tun, ist Aufschreiben oft hilfreich.

ARGE Urnenhain: Welche Resonanz erfahren Sie, sobald das persönliche Grabdenkmal fertig aufgestellt ist?
Edith Eichwalder: Ich erinnere mich immer wieder gerne an die vielfältige Resonanz, gerade was persönlich gestaltete Grabdenkmäler betrifft. Einmal wurde ich von einer Familie zu einer Zeremonie beim fertiggestellten Grab eingeladen. Dort wurde für die Verstorbene ein spezielles Dankritual abgehalten und dabei auch erwähnt, wie begeistert die Angehörigen davon waren, dass wir in dieser gemeinsamen Partnerschaft ein so schönes und zutreffendes Erinnerungsdenkmal geschaffen haben. Um die Verbindung noch einmal besonders aufleben zu lassen und das gelungene Werk zu feiern, wurde von der Familie ein „Dankesweg“ am Grab angelegt: Dazu bekam jeder einen Kieselstein, beschrieb ihn mit seinen Gedanken und legte ihn ins Grab. Dies war eine schöne Abschlussgeste.

ARGE Urnenhain: Wohin sollte sich unsere Friedhofskultur entwickeln?
Edith Eichwalder: Es ist für unsere Gesellschaft wichtig, Orte und Plätze zu haben, wo diese Trauerarbeit vollzogen werden kann. Durch eine Veränderung unserer herkömmlichen Friedhöfe in Orte der Begegnung mit wohltuendem Charakter – wie grüne Oasen, Ruheplätzen oder parkähnlichen Strukturen – werden auch Familien und junge Menschen angesprochen, diese Orte zu besuchen. Nicht zu unterschätzen ist, dass eine Grabstelle auch eine Kraftquelle und einen Ritualplatz darstellt.  Es ist jedem zuzutrauen, für diesen Trauerplatz etwas zu investieren: ein wenig Zeit, Pflege oder ähnliches, oder aber die Möglichkeit zu suchen, diesen Platz ohne oder mit geringem Pflegeaufwand zu gestalten. Warum wollen wir uns in der heutigen Zeit aus allen Generationsverträgen entbinden und unser Vernunftdenken voll über unsere Gefühlswelt stellen? Ich fände es schade und auch bedenklich, wenn aus einer Bequemlichkeitshaltung heraus Menschen über und für Generationen hinweg entscheiden, dass ein Trauerplatz nicht notwendig ist. Oftmals erlebe ich, dass erst nach einiger Zeit solch ein Platz gesucht wird und an Bedeutung gewinnt.

Zur Person:  Edith Eichwalder (56)
Die verheiratete Mutter von zwei erwachsenen Söhnen ist gelernte Finanzbuchhalterin und seit beinahe 20 Jahren Filialleiterin im Steinmetzbetrieb Erwin Zechmeister GmbH in Horn; seit 15 Jahren Teilnehmerin des Gestaltungskreises. Ehrenamtlich ist Edith Eichwalder als Trauerrednerin, Begräbnissängerin, Lektorin, Vorbeterin und Pfarrgemeinderätin tätig.
Lebensmotto: Die Liebe allein versteht das Geheimnis, andere zu beschenken und dabei selbst reich zu werden (Clemens Brentano)